2. Oktober 2026, Veranstaltungsbericht

Auferstehung aus Ruinen?

Versteckt im Wald, rund 40 Kilometer nordöstlich vom Berliner Zentrum, befindet sich das geheimnisumwitterte Bogenseeareal. Es gehört zur Gemeinde Wandlitz und vereint den ehemaligen Landsitz des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels mit dem architektonisch imposanten Komplex der FDJ-Jugendhochschule aus DDR-Zeiten. Die denkmalgeschützten Gebäude stehen seit der Jahrtausendwende leer und verfallen zunehmend. Nach Jahren im Dornröschenschlaf werden seit einiger Zeit jedoch wieder verstärkt Nutzungsideen für das 17 Hektar große Areal diskutiert.

Auf Initiative von Reinhold Dellmann, der im Förderverein Baukultur Brandenburg und in der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) aktiv ist, fand am 17. September als Kooperationsveranstaltung beider Verbände eine Exkursion nach Bogensee statt. Das Besondere: Die rund 25 Teilnehmenden konnten sowohl die Außenanlagen erkunden als auch zentrale Gebäude wie die Goebbels-Villa, das Kulturhaus und ein Wohngebäude von innen besichtigen.

Fachkundig geführt wurde die Gruppe von zwei unmittelbar mit der Entwicklung des Ensembles befassten Experten: Jörg von Bilavsky, Leiter des Kulturamtes Wandlitz, ist von Amts wegen mit der Entwicklung des Bogenseeareals beschäftigt; als Historiker konnte er viel über die Geschichte des Ortes erzählen. Marie Neumüllers vertrat das Berliner Planungsbüro „urbanizers“, das Perspektiven für das Gelände entwickeln soll. Und „Hansi“ Noack, langjähriger engagierter Hausmeister, konnte viele Details und Anekdoten beitragen.

Kompliziert wird die Angelegenheit aufgrund der ungewöhnlichen Eigentumsverhältnisse: Obwohl das Areal in Brandenburg liegt, gehört es dem Land Berlin. Die chronisch finanzschwache Hauptstadt wollte zwischenzeitlich die Kosten für den Leerstand nicht mehr tragen und erwog einen Abriss bzw. Renaturierung. Dies brachte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, den Barnimer Landrat und den Bürgermeister der Gemeinde Wandlitz auf den Plan; sie argumentierten, dass der geschichtliche Hintergrund zum Erhalt verpflichte. Sie starteten ein Abrissmoratorium, das viele unterschrieben.

Perspektivstudie soll Lösungen präsentieren

Der Protest hatte Erfolg: Das Bogenseeareal wurde 2024 zum „Nationalen Projekt des Städtebaus“. Dafür gibt es nun Bundesmittel, mit denen unter anderem eine dreijährige Perspektivstudie finanziert wird. Sie soll unter Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern Alternativen zum Abriss ausloten und Ideen für eine wirtschaftlich tragfähige Neunutzung finden – in sensibler Auseinandersetzung mit der Historie. Die Gemeinde Wandlitz setzt dabei auf offene Formate vor Ort und in Wandlitz; schließlich sollen sich die Konzepte am Gemeinwohl orientieren. Bestandteil der Perspektivstudie sind auch neue Baudenkmal- und Gartendenkmal-Gutachten; die historischen Park- und Außenanlagen werden darin als integraler Bestandteil des geschützten Ensembles aufgefasst.

Um den Prozess zu fördern, hat das Land Berlin im Rahmen eines Überlassungsvertrags das Areal bis Ende 2027 unentgeltlich an die Gemeinde Wandlitz übertragen. Berlin trägt weiterhin die laufenden Sicherungskosten, Wandlitz übernimmt die Verwaltung vor Ort.

Tiefes Eintauchen in eine wechselvolle Geschichte

Der Rundgang begann mit einer Besichtigung des Waldhofs, allgemein eher als Goebbels-Villa bekannt. Der komfortable Landsitz des NS-Propagandaministers entstand 1939/40 auf UFA-Kosten. Hier pflegte Goebbels seine Affären, hier empfing er Filmstars und Prominente. Das Gebäudeensemble besteht aus einem repräsentativen Haupthaus, einigen Nebengebäuden und einem angegliederten Kinosaal für private Filmvorführungen. Die nahezu unveränderten Baukörper mit typischen Elementen der 1930er Jahre stehen seit 1996 unter Denkmalschutz.

Nach dem II. WK übernahm 1946 die Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) die Villa als Ausbildungsort für den Funktionärsnachwuchs. Als die Villa dafür nicht mehr ausreichte, wurde die Schule ab 1951 bis in die 1980er Jahre hinein sukzessive erweitert – zunächst im Zuckerbäckerstil der Stalinära, später in der kostengünstigeren Plattenbauweise. Zentrale Gebäude waren das Lektionsgebäude mit Seminarräumen und Bibliothek sowie das architektonisch markante Kulturhaus mit Freitreppe, Säulengang und Dachterrasse. Das Gebäude diente tagsüber als Mensa und abends als Veranstaltungsort für Musik, Tanz und Diskussionen. Mehrgeschossige Wohnheime dienten der Unterbringung der Studierenden, die hier – weitgehend abgeschottet von der Außenwelt – in den Lehren des Marxismus-Leninismus unterwiesen wurden. Sie kamen aus der DDR, später auch aus „befreundeten“ Ländern bzw. waren von kommunistischen Parteien westlicher Länder entsandt.

Nach der Schließung der Jugendhochschule wurden die Wohnheime Anfang der 1990er Jahre als Hotelanlage genutzt. Daran erinnern noch Schilder etwa mit der Bezeichnung „Reggio di Calabria“. Der Internationale Bund (IB) nutzte die Goebbels-Villa in den 1990er Jahren für Ausbildungszwecke. Zuletzt dienten die Gebäude Anfang der 2000er Jahre als Unterkunft für Einheiten der Bundespolizei. Heute stehen die Gebäude leer, einzige Ausnahme ist ein Nebengebäude der Goebbels-Villa, das eine Waldschule des Landes Berlin beherbergt. Zu gravierenden Schäden führte ein vermutlich durch Brandstiftung verursachter Großbrand im Januar 2026 im Lektionsgebäude.

Szenarien für Bogensee

Im Laufe des Rundgangs stellte Neumüllers diverse Szenarien vor. Diese berücksichtigen sowohl kleinteilige Nutzungen, bei denen mehrere Einrichtungen bzw. Unternehmen das Areal beleben würden, als auch „monolithische“ Lösungen, bei denen ein Großinvestor das Ensemble allein bespielt. Die Planerin schlug Nutzungen beispielsweise als Lern-, Gedenk- und Demokratieort mit Räumen für politische Bildung, Tagungen sowie internationale Begegnungen vor. Ein möglicher Träger sei etwa die Bundeszentrale für politische Bildung. Auch ein Kultur- und Kreativstandort, der die Gemeinschaftsgebäude für Veranstaltungen, Festivals, Ausstellungen und Ateliers nutzt, sei denkbar.

Ebenso komme eine Nutzung als gemeinwohlorientiertes Wohnquartier in Frage, etwa mit Konzepten für genossenschaftliches oder generationenübergreifendes Wohnen. Neumüllers brachte ein Azubiwohnheim ins Spiel, Reinhold Dellmann die Stiftung Lobetal als möglichen Träger für seniorengerechten Wohnraum. Diskutiert wurde Bogensee auch als Behörden- oder Bildungsstandort, als Bundeswehr-Standort oder als Außen-Campus von Universitäten.

Money, Money, Money

Bei allen Konzepten bleibt die Finanzierung die größte Herausforderung. Bevor ein Investor ins Boot geholt werden kann, der ein Baufeld oder das ganze Ensemble übernehmen möchte, müssen die Sanierungskosten beziffert werden. Das betrifft die Wasser- und Abwassererschließung, die Telekommunikations- und die Straßeninfrastruktur. Auch das Heizsystem müsste erneuert werden. Nicht zuletzt müsste mit dem Landkreis über eine Busanbindung verhandelt werden.

Obwohl viele Ideen im Raum stehen, bleibt die Frage, wie ein Entwicklungsträgermodell aussehen kann, weitgehend offen. Dass mögliche Nutzungsinteressenten neben den Investitionskosten für das eigene Geschäft auch die Infrastruktur- und Erschließungskosten (komplett) übernehmen wollen, ist kaum zu erwarten. Sie würden fragen, wie viel sie für eine Fläche noch anteilig an Infrastruktur mitbezahlen müssten und welche Umbaukosten auf sie zukommen. Und dann würden sie rechnen.

So wird es ohne öffentliche Zuschüsse kaum funktionieren. Sinnvoll wäre es, für bestimmte Nutzungsmodelle wie das Azubi- oder das Seniorenwohnen die Umbaukosten pro Quadratmeter schon einmal grob zu überschlagen. Auch die Kosten, die bei allen möglichen Nutzungen anstünden – Wasser, Abwasser, Straßenerschließung, Heizung etc. – könnten ansatzweise ermittelt werden. Erst dann wird es realistisch, potenzielle Investoren ernsthaft zu interessieren. Zu wünschen wäre es.

Das Lektionsgebäude nach dem Brand (c) Ute C. Bauer
Erinnerungen an die Hotelnutzung (c) Ute C. Bauer
Im Kulturhaus (c) Ute C. Bauer
Große Halle Kulturhaus (c) Ute C. Bauer